Exzellenz in der Neurochirurgie bedeutet nicht nur, das Unmögliche zu ermöglichen. Es bedeutet, das Alltägliche immer besser zu machen. Prof. Peter Vajkoczy, Direktor der Klinik für Neurochirurgie an der Charité Berlin, und Nils Ehrke, President EMEA bei Brainlab, sprechen über Exzellenz nicht als Ziel, sondern als Haltung – und über die Rolle, die Technologie dabei wirklich spielt.

Herr Prof. Vajkoczy, was haben Sie denn heute alles operiert?

Prof. Peter Vajkoczy: Heute liefen Saal 15 mit einer Hypophysenoperation und einer Spinalkanalstenose,
Saal 1 mit einem Bypass und dem Clipping eines Megaaneurysmas, Saal 11 mit einem Konvexitätsmeningeom und einem Blisteraneurysma, das zuvor mit Flowdivertern versorgt worden war, und Saal 12 mit einem Hirnstammkavernom und einer Epidermoidzyste im Kleinhirnbrückenwinkel. Das war alles heute.

Vermutlich hat das jetzt nur ein Teil unserer Leserinnen und Leser komplett verstanden… Es klingt zumindest kompliziert – und nach einem ganz schön vollen Programm. Für Sie auch? Oder war das ein ganz normaler Freitag?

Prof. Peter Vajkoczy: Es waren gut planbare Fälle, die sich schachteln lassen. Den chirurgischen Kernteil übernehme ich, das Team macht alles drum herum – Lagerung, Öffnen, Verschluss. Dann kann ich von Saal zu Saal gehen. Natürlich gibt es aber auch Tage, an denen ich nur einen einzigen, sehr komplexen Fall operieren kann.

Sie sind seit knapp zwanzig Jahren an der Charité, davor waren sie ein paar Jahre in Mannheim. Bei rund 800 Eingriffen im Jahr kommen da vermutlich schon knapp 20.000 Patientinnen und Patienten zusammen. Reizt Sie das nach so vielen Operationen eigentlich immer noch?

Prof. Peter Vajkoczy: Natürlich. Neurochirurgie ist und bleibt für mich die Königsdisziplin: das Gehirn besser zu verstehen, mit neuer Technologie am Puls der Innovation zu sein, intellektuell gefordert zu bleiben. Dazu kommt die Verantwortung gegenüber Team, Klinik, Patientinnen und Patienten. Und – das sage ich ganz ehrlich – ich habe immer noch das Gefühl, dass ich besser werden kann. Wie ein Sportler, der trainiert, um gut zu bleiben – oder eben, um noch besser zu werden.

Kann man das denn vergleichen – Neurochirurgie und Leistungssport?

Prof. Peter Vajkoczy: Ich denke schon. Talent und Handfertigkeit machen vielleicht zwanzig Prozent aus – viel weniger, als die meisten annehmen. Den Rest macht die Disziplin: härter trainieren als andere und das über lange Zeit durchhalten. Nicht das große Ego, sondern die Bereitschaft, immer wieder anzufangen und besser zu werden. Und was mich am Sport fasziniert: Ob man die Vorhand besser schlägt oder die Rückhand sicherer auf die Linie bringt – man verbessert sich, indem man konsequent an kleinen Dingen arbeitet.

Das gilt auch für Eingriffe, die Sie schon tausendfach gemacht haben?

Prof. Peter Vajkoczy: Gerade dann. Ich sag das auch oft zu meinem Team: Aus meiner Sicht gibt es keinen Eingriff, der zu banal ist, um ihn nicht noch ein bisschen besser zu machen. Auch die Bandscheibenoperation, die ich schon hundertfach durchgeführt habe, verdient denselben Anspruch wie der komplexeste Hirntumor. Kann ich den Eingriff noch etwas weniger invasiv machen? Noch etwas schneller? Noch etwas besser? Das ist eine Einstellungsfrage. Und wer sich darauf einlässt, arbeitet auch in der Routine an einer Form von Perfektion, die man nie ganz erreicht – der man sich aber immer weiter annähern kann.

Herr Ehrke, eine solche Haltung ist ja auch ein Anspruch an die Technologie: Sie muss nicht in erster Linie das Spektakuläre ermöglichen, sondern das Alltägliche besser machen. Wie denkt Brainlab darüber?

Nils Ehrke: Das trifft ziemlich genau unser Selbstverständnis. Es geht uns nicht darum, nur für das eine Prozent der spektakulärsten Fälle die beste Technologie bereitzustellen – sondern darum, was entlang des gesamten Behandlungspfades besser werden kann: Bildgebung, Planung, Navigation, der klinische Workflow selbst. Auch in den vermeintlichen Standardeingriffen. Gerade dort. Kleine Verbesserungen an vielen Stellen addieren sich – und ermöglichen irgendwann Eingriffe, die vorher undenkbar schienen. Kliniken wie die Charité treiben diese Entwicklung voran. Aber das eigentliche Ziel ist, dass das, was an der Spitze entsteht, auch in anderen Häusern ankommt. Wir arbeiten mit mehr als 5.000 Kliniken weltweit – das ist der Hebel. Wissen und bessere Behandlungswege lassen sich skalieren – das ist unser Beitrag zu einer besseren Patientenversorgung, überall.

Kann ich den Eingriff noch etwas weniger invasiv machen? Noch etwas schneller? Noch etwas besser? Das ist eine Einstellungsfrage. Und wer sich darauf einlässt, arbeitet auch in der Routine an einer Form von Perfektion, die man nie ganz erreicht – der man sich aber immer weiter annähern kann.

Prof. Peter Vajkoczy, Direktor der Klinik für Neurochirurgie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin

Herr Vajkoczy, ist diese Haltung – das Arbeiten an kleinen Verbesserungen – im Fach Konsens?

Prof. Peter Vajkoczy: Ich war kürzlich auf einem Kongress, da hat jemand auf der Bühne gesagt, die Zeit der „Marginal Gains“ sei vorbei, wir bräuchten wieder die großen disruptiven Momente. Ich habe da widersprochen. Beide Haltungen haben ihre Berechtigung – aber die Idee, auf die nächste Disruption zu warten und sich in der Zwischenzeit nicht um Details zu kümmern, finde ich falsch. Auch in einer Standardoperation, die vermeintlich ausgereizt ist, lohnt sich die Suche nach der nächsten kleinen Verbesserung. Das ist nicht das Gegenteil von Disruption – es ist ihre Vorbereitung. Wer im Kleinen präzise arbeitet, ist besser darauf vorbereitet, eine echte Revolution zu managen, wenn sie kommt. Die endovaskuläre Chirurgie war so eine Disruption: Wir haben früher aufwendige Aneurysmen operiert, mit allem, was dazu gehörte – und dann kam jemand, hat einen Stent eingesetzt, und der Eingriff war nach zwei Stunden fertig. Ein echter Bruch. Aber er war nur möglich, weil vorher jemand verstanden hatte, wo die Grenzen des Bestehenden liegen.

Herr Ehrke, wenn Exzellenz im Detail entsteht, müssen Ärztinnen und Ärzte auch die Freiheit haben, für jede Patientin und jeden Patienten die beste individuelle Behandlung zu wählen. Brainlab setzt seit Jahren auf offene Plattformen. Was heißt das konkret – und warum ist das so wichtig?

Nils Ehrke: Technologie soll keine neuen Abhängigkeiten schaffen. Deshalb bauen wir Plattformen, die offen sind – für Implantate verschiedener Hersteller, für unterschiedliche Mikroskope, für verschiedene bildgebende Verfahren. Wer die beste Lösung für seinen Patienten finden will, soll diese Entscheidung nicht durch wirtschaftliche oder industrielle Interessen eingeschränkt sehen. Das ist der Grund, warum die Zusammenarbeit mit Kliniken wie der Charité funktioniert: Wir liefern die technologische Grundlage, die klinische Entscheidungsfreiheit bleibt vollständig beim Arzt – das ist patientenzentrische Medizin. Dass Brainlab selbst keine Implantate verkauft, ist dabei kein Zufall – es ist ein Prinzip. Es macht uns frei, an Innovationen zu arbeiten, die weit über das Platzieren von Implantaten hinausgehen.

Wie wichtig ist Ihnen diese Unabhängigkeit, Herr Vajkoczy?

Prof. Peter Vajkoczy: Entscheidend. Die Indikationsstellung – also die Frage, ob und wie man operiert – ist der anspruchsvollste Teil unserer Arbeit, besonders in der Wirbelsäulenchirurgie, wo es sehr viele Möglichkeiten gibt. Diese Entscheidung muss frei von wirtschaftlichen Überlegungen getroffen werden. Wenn ich auf einer offenen Plattform arbeite, kann ich für jeden Patienten die beste Kombination aus Technologie und Vorgehen wählen. Das ist Medizinethik – und es ist schlicht auch gute Medizin.

Was hat sich technologisch in den vergangenen zwanzig Jahren am stärksten verändert?

Prof. Peter Vajkoczy: Digitalisierung und Bildgebung – das ist aus meiner Sicht der größte Schritt. Navigation, intraoperatives MRT und CT, Ultraschall als Ergänzung. Aber was mich wirklich bewegt, ist ein Beispiel aus unserem eigenen Haus: die transkranielle Magnetstimulation (TMS), ein Verfahren, das mit Magnetimpulsen gezielt Hirnareale stimuliert und so Funktionen wie Sprache oder Motorik für die Operationsplanung sichtbar macht. Als ich 2007 an die Charité kam, gab es das noch nicht. 2009 haben wir damit begonnen – heute ist TMS eine Routinetechnik, die uns erlaubt, Hirntumore zu operieren, die wir früher als inoperabel eingestuft hätten. Nicht weil wir damals schlechter operiert hätten, sondern weil wir die Beziehung zwischen Tumor und Hirnfunktion nicht so gut sichtbar machen konnten. Das hat sich geändert.

Nils Ehrke: Das TMS-Beispiel zeigt, wie das in der Praxis läuft: Eine Klinik wie die Charité erprobt etwas als erste, belegt die klinischen Vorteile in Studien – und dann ziehen andere nach. Aus der Ausnahme wird Routine. Unser Anspruch ist, diesen Prozess zu unterstützen – nicht nur die großen Unikliniken auszustatten, sondern dazu beizutragen, dass das, was dort entsteht, auch in anderen Häusern ankommt. Das funktioniert nur mit Partnern, die bereit sind, ihr Wissen weiterzugeben.

Von inoperabel zu Routine – das klingt fast nach einer anderen Disziplin. Hat diese Entwicklung auch das Selbstverständnis der Neurochirurgie verändert?

Prof. Peter Vajkoczy: Ja, und das ist vielleicht die tiefgreifendste Veränderung. Früher war Neurochirurgie etwas, wo man im übertragenen Sinne das Licht ausgemacht hat. Wo man sagte: Das ist wahnsinnig schwierig, das kann nur ich, das lässt sich kaum erklären. Heute ist das anders. Durch Standardisierung, Technologie und bessere Ausbildung haben wir eine Grundlage geschaffen, Wissen wirklich weiterzugeben. Die nächste Generation kann heute Eingriffe sicher durchführen, für die man früher eine Koryphäe gebraucht hätte. Das ist keine Abwertung der Chirurgie – das ist Fortschritt.

Wie organisiert man eine Klinik, die diesen Anspruch jeden Tag einlösen soll?

Prof. Peter Vajkoczy: Ich fange bei der Auswahl der Menschen an. Fachliches bringt man jemandem bei – Charaktereigenschaften nicht. Also schauen wir sehr genau hin: Wie geht jemand mit Belastung um? Wie reagiert er, wenn die Realität des Alltags ihn trifft? Die aktuelle Generation ist hochintelligent und hat viele Optionen – sie ist also auch schnell wieder weg, wenn es nicht passt. Das zwingt uns, eine Umgebung zu schaffen, in der Menschen bleiben wollen. Eine gewisse Intensität – aber auch etwas, das sich nach Heimat anfühlt. Werte spielen dabei eine echte Rolle: Geduld, Demut, Vertrauen, Ehrlichkeit. Ich versuche, das vorzuleben. Nicht, dass alle so arbeiten müssen wie ich. Aber die Philosophie soll spürbar sein: Dieser Laden hat einen Anspruch – an sich selbst, an jeden Eingriff, an die Ausbildung der nächsten Generation.

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Prof. Peter Vajkoczy ist Direktor der Klinik für Neurochirurgie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Im Newsweek-Ranking der besten neurochirurgischen Kliniken weltweit belegt die Klinik Platz 2. Vajkoczy gilt als einer der führenden Experten für Gefäß- und Wirbelsäulenchirurgie.

Neben seiner klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit engagiert er sich stark für die Vermittlung medizinischen Wissens: Auf Instagram und YouTube erreicht er regelmäßig Hunderttausende Menschen – mit Inhalten, die Neurochirurgie, Leistungsdenken und Sport verbinden. Er ist zudem Buchautor und setzt sich für eine Kultur des Wissenstransfers und der Ausbildung der nächsten Generation ein.

Und am Ende – was ist Ihr persönlicher Maßstab für Erfolg?

Prof. Peter Vajkoczy: Nicht die Zahl der Operationen, nicht die Publikationen. Das Einzige, was aus meiner Sicht wirklich zählt, ist, ob die Menschen, die ich ausgebildet habe, in gute Positionen kommen – ob sie Verantwortung übernehmen, ob sie das, was sie hier gelernt haben, selbst weitergeben. Wenn ich in eine Klinik komme und jemanden antreffe, der bei uns war, der sein Team mit demselben Anspruch führt, mit derselben Sorgfalt – das ist mehr wert als jede persönliche Auszeichnung. Die Neurochirurgie wird besser, wenn die nächste Generation besser wird.

Nils Ehrke: Und genau das ist auch unser Antrieb. Wir wollen nicht der exklusivste Technologieanbieter sein – wir wollen einer sein, der Klarheit in ein komplexes System bringt. Das gelingt nur mit tiefem technologischem und klinischem Verständnis – und mit der gemeinsamen Leidenschaft, immer die nächste kleine Verbesserung zu finden. Was Charité und andere führende Kliniken gemeinsam mit uns entwickeln, soll irgendwann in jeder gut aufgestellten Klinik ankommen. Nur dann macht der Anspruch an Exzellenz einen echten Unterschied – für Patientinnen und Patienten überall.